„Da oben geht es richtig rund“ - Bemannte Raumfahrt

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Beitrag von sigi am Sa März 21, 2009 10:38 pm




Thomas Reiter, Deutschlands einziger Langzeitastronaut, sprach mit FOCUS-Online Autorin Katrin Milde über das Leben im All und die vielversprechende Zukunft der bemannten Raumfahrt.



Als die Raumfähre Discovery in der Nacht zum Montag abhob, überkamen Thomas Reiter wieder die vielen Erinnerungen an seinen eigenen Start zur ISS vor drei Jahren. „Die Beschleunigung, die beim Start auf einen wirkt, ist enorm, und man muss sehr konzentriert sein.“ Nur achteinhalb Minuten dauert es, bis die Discovery den Orbit erreicht, „und da oben geht es dann richtig rund“ so Reiter.



Im Gegensatz zum Leben auf der Erde ist jede einzelne Minute an Bord schon weit im Voraus minutiös geplant“. Spontaneität fällt im Weltall weg. Aufstehen um sieben, Bordsysteme überprüfen, Morgentoilette, anschließend Tagesbesprechung mit dem Kontrollzentrum auf der Erde und Forschungsarbeit, meist medizinische und physikalische Tests. „Auch unten gibt es Stress, aber wenn man im All zum Beispiel ein Werkzeug nicht gleich findet, wirft das den ganzen Zeitplan durcheinander“ so Reiter. Auch wenn bei den Astronauten ab 23 Uhr offiziell Feierabend angesagt ist, „in der Praxis haben wir unser Pensum nicht vor Mitternacht, manchmal nicht vor 2 Uhr morgens geschafft“. Nur an Wochenenden wird es ein bisschen ruhiger. „Dann ist man froh, wenn man sich ein paar Minuten nehmen kann, um Fotos und Videos für Freunde und Familie zu machen. Am schönsten ist es aber, einfach nur für sich allein den Ausblick auf die Erde zu genießen.“





Lieber ein paar Flüge im Orbit buchen als ans Mittelmeer fahren
Thomas Reiter hält viel vom Weltraumtourismus. Für den ehemaligen Astronauten und als Vorstandsmitglied des Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) sieht er im Weltraumtourismus eine wichtige Aufgabe, die die Raumfahrt in Zukunft übernehmen sollte. „Jeder sollte die Möglichkeit bekommen, unsere Erde von oben zu betrachten. Denn ich glaube, nur so wird einem die Verletzlichkeit unseres Planeten sehr deutlich vor Augen geführt und ein Bewusstsein für unsere Erde erschaffen.“ Reiter sieht den Weltraumtourismus als Weg zu mehr Umweltbewusstsein. „Derzeit kostet ein Flug mit der russischen Trägerrakete Sojus 30 Millionen Euro. Ich wünsche mir, dass solche Flüge nicht nur reichen Menschen vorbehalten bleiben. Es wäre toll, wenn man in Zukunft statt einer Reise ans Mittelmehr auch ein paar Orbit-Umrundungen um die Erde buchen könnte.“





Während solche Pläne im Moment wohl reine Zukunftsmusik sind, steuert die internationale Raumfahrt ganz konkret anderen Visionen entgegen, die uns eher aus Science-Fiction-Filmen bekannt sein dürften: „Die Nasa plant, bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts mit Menschen zum Mond zurückzukehren. Dort soll eine bemannte Bodenstation entstehen, die auch als Ausgangspunkt für weitere Erkundungen des Weltalls genutzt werden könnte.“





Zweieinhalb Jahre Flugzeit von der Erde bis zum Mars
Als Leiter des Bereichs Raumfahrtforschung und –entwicklung beim DLR denkt Reiter aber noch weiter: „15 Jahre nach der Rückkehr zum Mond könnten die ersten Astronauten in Richtung Mars aufbrechen. Nach heutigen Erkenntnissen wären sie zweieinhalb Jahre unterwegs, bis sie dort überhaupt ankämen.“ Wer sich nun vorstellt, Raumschiffe könnten bis dahin ähnlich wohnlich und gemütlich eingerichtet sein, wie etwa das „Raumschiff Enterprise“ aus der gleichnamigen Fernsehserie, der hat weit gefehlt: „Künstliche Schwerkraft herzustellen, das geht nur in Filmen. Für lange Reisen, wie den Marsflug, könnte man sich aber durchaus vorstellen, Mittel zu haben, um erdähnliche Zustände herzustellen. Eine Zentrifuge wäre eine Option, die an das Raumschiff angedockt ist. Durch die Rotation könnte man den Astronauten, zumindest für ein paar Stunden am Tag, das Gefühl von Gravitation geben.“ Den Astronauten bleibt also auch in weit absehbarer Zukunft ein Leben im Weltall-Labor vorbestimmt.





Thomas Reiter hält den europäischen Rekord für den längsten Aufenthalt im All. Schon 1995 verbrachte er 176 Tage an Bord der russischen Raumstation Mir. Vor drei Jahren, am 4. Juli 2006 kehrte er dann noch mal für einen Langzeitaufenthalt ins All zurück. Im Auftrag der ESA lebte und arbeitete er fünfeinhalb Monate auf der Internationalen Raumstation ISS – in einer Höhe von 350 Kilometern über der Erde.



Er ist Astronaut mit Leib und Seele, der lieber heute als morgen seine Visionen verwirklichen würde. Dennoch weiß er, dass viele Missionen, für die er heute die Weichen stellt, erst in einigen Jahrzehnten Realität werden können: „Bei der Bevölkerung des Mondes werde ich nicht mehr selbst dabei sein können. Aber ich wünsche mir, im Fernsehsessel zu sitzen und zuzusehen, wie die ersten Menschen ein Leben in der Mond-Bodenstation beginnen." www.focus.de

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